Projekt 4: Neue Konzepte für die Leseförderung an der Realschule Eberbach

Zielsetzung

Damit Kinder und Jugendliche zu mündigen Bürgern werden, die bereit sind, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und aktiv an der Entwicklung der Gesellschaft teilnehmen, muss man ihnen Zugänge zu Bildungsmöglichkeiten verschaffen. Dies geschieht in unserer schriftbasierten Kultur noch immer ganz wesentlich über den Erwerb von Lesekompetenzen, denn wer gut lesen kann, kann seinen Bildungsweg selbst steuern und mitgestalten. Selbstbestimmte Bildung beginnt mit eigenständigem Lernen und Lesen.

Dabei genügt es nicht, darauf zu vertrauen, dass die Schüler bestehende Angebote von sich aus nutzen, vor allem dann nicht, wenn der Umgang mit Büchern und anderen Printmedien nicht zu ihrem alltäglichen Umfeld gehört. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Lesezentren in Schulen und Schulbibliotheken einen signifikanten Einfluss auf die Lesemotivation der Schüler haben. Die Angebote von Schul- und Stadtbibliotheken stehen dabei nicht in einem Konkurrenzverhältnis, sondern ergänzen und stärken sich gegenseitig: Die Schulbibliotheken können von dem Know-how der Stadtbibliotheken profitieren und die Stadtbibliotheken gewinnen durch die Arbeit der Schulen junge Leser und neue Kunden.

Leseförderung ist Begabtenförderung, und die findet in Deutschland traditionell im Gymnasium statt. Weniger bekannt ist dagegen, dass es auch viele begabte Schüler in Werkreal- und Realschulen gibt, diese geraten jedoch häufig nicht ins Blickfeld der Öffentlichkeit, weil sie keine oder nur wenig familiäre Unterstützung in ihrer Schullaufbahn erhalten. Für diese Schüler bieten die individuellen Lernmöglichkeiten, die durch ein schulisches Lesezentrum eröffnet werden, eine enorme Chance zur Entfaltung ihrer persönlichen Potentiale. Das geplante Lesezentrum versteht sich als eine Institution sowohl für die Förderung solcher versteckter und entwicklungsfähiger Begabungen als auch zur Unterstützung besonders leseschwacher Schüler.

Den Sprachkompetenzen von Realschülern muss in Zukunft größere Aufmerksamkeit zuteilwerden, als dies bislang der Fall ist. Das zeigen der wachsende Fachkräftemangel in vielen Ausbildungsberufen und die Schwierigkeit der Unternehmer, ausbildungsfähige Jugendliche für ihre Betriebe zu finden. Viele Ausbildungsplätze bleiben in Deutschland deshalb unbesetzt. An diesem Bildungsmissstand setzt die Arbeit des geplanten Zentrums an, indem es auf den motivierenden und projektorientierten Umgang mit Sprache und Texten setzt, um gerade die schriftsprachlichen Kompetenzen derjenigen Jugendlichen zu stärken, die einen erhöhten Förderungsbedarf aufweisen.

Dabei setzt das Lesezentrum auf die Entwicklung neuer Leseförderungskonzepte, die von den vielfältigen Beziehungen zwischen Lesen und Hören ausgehen und die erst in den letzten Jahren in der Forschung stärker Beachtung finden (vgl. etwa Vorlesestudie 2011 der Stiftung Lesen, Belgrad 2011, Haug 2006). Demnach beginnt die Ausbildung der Lesefähigkeiten nicht mit dem Entziffern der Buchstaben im ersten Schuljahr, sondern mit dem intensiven Zuhören und den damit verbundenen sprachlichen Artikulations- und Konstruktionsleistungen. Durch die systematische Verknüpfung von Hör-, Sprech- und Leseprozessen sollen deshalb allgemeine Sprachkompetenzen und spezifische Lesefähigkeiten gleichzeitig nachhaltig verbessert werden.

Konzeption des LZE

1. Ausstattung

Den Kernbereich des Lesezentrums soll eine in das Schulgebäude integrierte, modern ausgestattete Schulbibliothek bilden. Dazu gehören Räume im Schulgebäude, die Platz für Bücherregale, aber auch für Sitzmöglichkeiten für das ungestörte, individuelle Lesen bieten. Das Leseangebot soll sowohl aus Kinder- und Jugendliteratur als auch aus Sachbüchern bestehen. Einen Schwerpunkt der Bibliothek sollen Hörmedien bilden, die gezielt zur Leseförderung eingesetzt werden sollen. Dabei ist auch eine Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei Eberbach geplant. Für den Aufbau der Bibliothek bietet der Leiter der Bibliothek der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Herr Penshorn, seine Mitarbeit an.

Die personelle Betreuung des Lesezentrums hängt von den jeweiligen Angeboten ab. Prinzipiell kommen als Betreuer interessierte Lehrer der Realschule Eberbach, Eltern und Studierende der PH Heidelberg in Frage. Eine als pädagogische Betreuerin an der Schule tätige Person wäre bereit, den wöchentlichen Ausleihbetrieb zu übernehmen.

 

2. Forschungsschwerpunkt „Hörendes Lesen“

Einen Forschungsschwerpunkt des Lesezentrums soll die Entwicklung von Lesekonzepten im Bereich des hörenden Lesens bilden. Dabei geht es um Leseprozesse, bei denen Hör-, Sprech- und Verstehenserfahrungen eng verzahnt sind. Das besondere Augenmerk der wissenschaftlichen Begleitung wird daher auf Prozessen des lauten und halblauten Lesens, des gestaltenden Sprechens und des intensiven Zuhörens liegen, von denen man inzwischen weiß, dass sie für die Ausbildung höherer Lese- und Sprechkompetenzen von zentraler Bedeutung sind. Um die Untersuchungen von Lautleseleistungen zu ermöglichen und Hörkompetenzen von Schüler gezielt zu fördern, ist eine entsprechende mediale Ausstattung notwendig.

Die geplanten Aktivitäten des Lesezentrums lassen sich in vier Bereiche unterteilen. Entscheidend ist dabei, dass die einzelnen Bereiche in enger Verzahnung miteinander interagieren:


Baustein 1

Sprach-/Leseförderung

Baustein 2

Leseforschung

Baustein 3

Ausbildung

Baustein 4

Weiterbildung

Lese- und Sprachprojekte, die in den Vormittagsunterricht integriert werden, aber auch Angebote für kleinere Gruppen und einzelne Schüler im Ganztagesbereich;individuelle Buch- und Medienausleihe für einzelne Schüler;Förderung einzelner Schüler durch Studierende im Rahmen von Seminaren und Qualifika­tionsarbeiten (siehe Bereich 2). Forschungsprojekte in Kooperation mit der PH Heidelberg, die an die verschiedenen Leseangebote angekoppelt werden können und diese unterstützen;Entwicklung neuer Leselernkonzepte (mediengestützte Lautleseverfahren; Lesemotivationskonzepte für das individuelle Lesen und das Lesen in leistungshomogenen Kleingruppen. Seminarkooperationen und Einbindung von Schulpraktika in die Arbeit des Lesezentrums mit Studierenden der PH Heidelberg;Kooperationen mit Seminarleitern aus der zweiten Ausbildungsphase (hier sind überregionale Kooperationen sinnvoll und möglich). Regionale und überregionale Weiterbildungsangebote für Lehrer aus verschiedenen Schulen mit den in Eberbach entwickelten Lesekonzepten.

 

Zielperspektiven der Realschule

Die Schullleiterin Frau Sattler-Streitberg sieht in dem geplanten Projekt eine wirkungsvolle Chance, über die unterrichtliche Arbeit hinaus grundlegende Lese- und Sprechkompetenzen von Schülerinnen und fördern und Schülern sie in die Lage versetzen, geschriebene Sprache vertieft zu verstehen und zu nutzen.  Gleichzeitig sollen Schülerinnen und Schüler Freude am Sprechen gewinnen, ihre eigene Stimme als Gestaltungsinstrument für gelingende Kommunikation erleben und mehr Vertrauen in ihre Sprachfähigkeit bekommen.

Die Realschule möchte im Lesezentrum Literatur greifbar und hörbar werden lassen, indem Inhalte von Kinder- und Jugendbüchern zum Nachspielen und Nachgestalten anregen, Figuren lebendig werden, die Hör- und Sprechbarkeit der eigenen Stimme erfahren und das eigene Sprachvermögen systematisch erweitert wird. Auf diese Weise soll auch dem spürbaren Verlust von Wörtern und Wendungen bei vielen Schülern und der dramatisch zunehmenden  Sprachverarmung entgegengewirkt werden.

 

Zielperspektiven der Hochschule

Die Pädagogische Hochschule Heidelberg könnte im Rahmen des LZE verschiedene Ausbildungs- und Forschungsprofile realisieren. Dazu gehören:

  • die Begleitung und Evaluation konkreter Unterrichtseinheiten durch Studierende im Rahmen von Qualifikationsarbeiten und in Zusammenarbeit mit Lehrern der Realschule,
  •  die Arbeit von Studierenden mit kleinen Schülergruppen im Rahmen des von der Stiftung Lesen geförderten „Leseclubs“, einschließlich der Auswertung der Ergebnisse in wissenschaftlichen Abschlussarbeiten,
  • die Begleitung einzelner Schüler über einen kürzeren oder längeren Zeitraum zur Untersuchung individueller Verfahren der Leseförderung.

Alle Untersuchungen können während des an der PH Heidelberg eingeführten integrierten Semesterpraktikums (ISP) auch über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden. Geplant ist außerdem die Einbindung von Promotionsprojekten zur Entwicklung und Evaluation neuer Leseförderungskonzepte.

 

Stand der Planung

Räumlichkeiten für die erste Ausbaustufe des Lesezentrums sind in der Schule vorhanden. Hierzu gehört auch ein Gruppenarbeitsraum, der für Audioaufnahmen vorgesehen ist. Ein konkretes Einrichtungskonzept für die drei Räume liegt vor. Herr Penshorn, der Leiter der Bibliothek der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, nimmt regelmäßig an den Planungsgesprächen teil. Der Rotary Club Eberbach, die Sparkasse und die Volksbank Eberbach haben bereits ihre finanzielle Unterstützung für das Projekt in Aussicht gestellt.

 

Literaturhinweise

  • Belgrad, Jürgen (2011): Leseförderung durch Vorlesen. (online unter: http://www.lesefoerderung-durch-vorlesen.de/de/)
  • Deutscher Bibliotheksverband = Bibliotheksportal des deutschen Bibliotheksverbands. Online unter: http://www.bibliotheksportal.de/themen/bibliothek-und-bildung/bibliothek-und-schule/schulbibliotheken.html
  • Haug, Katja (2006): Wer lesen will, sollte hören. Hören als Vorläuferkompetenz.  Artikel im Rahmen des Projekts Lesen in Deutschland ist ein Angebot des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung im Rahmen des Deutschen Bildungsservers.“ Online unter: http://www.lesen-in-deutschland.de/html/impressum.php
  • Lernatlas 2011. Eine Studie der Bertelmann Stiftung. Online unter: http://www.deutscher-lernatlas.de/de/home.html. Pressemitteilung zur Studie unter: http://www.deutscher-lernatlas.de/fileadmin/user_upload/Medien/Fuer_Medien/Bundeslaendertexte/11-11-21-DLA_Deutschland.pdf
  • Lösener, Hans (2005): Stärkt lautes Lesen die Lesekompetenz? In: Leseforum Schweiz, Bulletin 14, 2005, S. 42-47
  • Vorlesestudie 2011: Die Bedeutung des Vorlesens für die Entwicklung von Kindern Repräsentative Befragung von 10- bis 19-Jährigen. Eine Studie der Stiftung Lesen, der Deutschen Bahn und der ZEIT (Online unter http://www.stiftunglesen.de/vorlesestudie)

 

Kontakt

Prof. Dr. phil. habil. Hans Lösener
E-Mail:
loesener@ph-heidelberg.de

Regine Sattler-Streitberg (Schulleiterin der Realschule Eberbach)
http://www.rse.hd.bw.schule.de