{"id":63,"date":"2012-11-03T11:08:36","date_gmt":"2012-11-03T11:08:36","guid":{"rendered":"http:\/\/loesener.de\/?page_id=63"},"modified":"2021-11-14T14:48:39","modified_gmt":"2021-11-14T14:48:39","slug":"projekt-2-methodik-und-didaktik-der-textanalyse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/loesener.de\/?page_id=63","title":{"rendered":"Projekt 2: Methodik und Didaktik der Textanalyse"},"content":{"rendered":"<h1><a href=\"https:\/\/loesener.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/titel-loesener-1-klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Albrecht L\u00f6sener Zeichnung\" src=\"https:\/\/loesener.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/titel-loesener-1-klein-282x300.jpg\" alt=\"\" width=\"282\" height=\"300\" \/><\/a><\/h1>\n<h1>Forschungsbereiche<\/h1>\n<p>Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik, Literatur- und Texttheorie<\/p>\n<h1>Projektbeschreibung<\/h1>\n<h3>Der Ausgangspunkt: die Krise der Interpretation<\/h3>\n<p>Ist das, was man den &#8222;Sinn eines Texts&#8220; nennt, mehr als ein blo\u00dfer Interpretationseffekt? Diese Frage f\u00fchrt mitten hinein in die vieldiskutierte <em>Krise der Interpretation<\/em>, die jede Methodik des Interpretierens auf eine ideologische Praxis reduziert: Wenn ein Text erst durch die Interpretation Sinn erh\u00e4lt, dann ist dieser notwendigerweise Ausdruck der Vorurteile, Interessen und Intentionen des Interpreten. Dann w\u00e4re das, was man &#8222;lesen&#8220; nennt, ein &#8222;Hineinlesen&#8220;, also letztlich eine Projektion des Sinns in den Text. Aber was bedeutet dann \u00fcberhaupt &#8222;lesen&#8220;? Die Krise hat dazu gef\u00fchrt, dass die Metapher vom Lesen als einem &#8222;In-das-Gespr\u00e4chkommen mit dem Text&#8220; (Hans-Georg Gadamer in <em>Wahrheit und Methode<\/em> 1960, 350) zweifelhaft geworden ist und sich der Verdacht aufgedr\u00e4ngt, dass das Lesen vielleicht nur ein Gespr\u00e4ch des Lesers mit sich selbst sei, ein Selbstgespr\u00e4ch, wie es Klaus Weimar unumwunden formuliert:<\/p>\n<blockquote><p>Es wird niemand, hartn\u00e4ckig bis an die Grenze der Bel\u00e4stigung bearbeitet, das widerwillige Eingest\u00e4ndnis verweigern, da\u00df, wenn man es denn unbedingt so genau nehmen will, wir selbst lesend zu uns sprechen und niemand anderes. (Weimar 1999, 56).<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein erster Schritt zur \u00dcberwindung der Krise bildet die Erkenntnis, dass sie keineswegs alle Formen des Lesens gleicherma\u00dfen betrifft, sondern vor allem der Dominanz einer ebenso alten wie einflussreichen Lesepraxis geschuldet ist, der auslegenden Interpretation.<\/p>\n<h3>Die auslegende Interpretation als Problem<\/h3>\n<p>Die Geschichte der auslegenden Interpretation reicht zur\u00fcck bis in der Antike, sie beginnt mit den allegorischen Homer-Kommentierungen der Stoiker und pr\u00e4gt das gesamte christliche Mittelalter in der Form der typologischen Bibelauslegung. Ihre Grundlage bildet ein einfaches Substitutionsprinzip: Der w\u00f6rtliche Sinn des Textes, der <em>sensus litteralis,<\/em> wird in den geistigen Sinn der Auslegung, den <em>sensus spiritualis<\/em>, \u00fcberf\u00fchrt. Auf diese Weise ist es m\u00f6glich, die Liebeslyrik des Hoheliedes in der j\u00fcdischen Bibel als allegorische Schilderung der Vereinigung der Kirche, als Braut Christi, mit dem Heiland, als g\u00f6ttlichem Br\u00e4utigam, zu lesen. Linguistisch l\u00e4sst sich das Verfahren der auslegenden Interpretation auf das Prinzip des dekodierenden Lesens zur\u00fcckf\u00fchren, auf jene basale Leseform, bei der die Zuordnung zwischen zwei sprachlichen Ordnungen vorgenommen wird, n\u00e4mlich der Buchstaben, genauer gesagt der Grapheme, und der &#8222;Laute&#8220;, der Phoneme. Zweifellos stellen dekodierende Leseakte eine grundlegende Technik f\u00fcr das Entziffern alphabetschriftlicher Texte dar, aber mit der Graphem-Phonemzuordnung ist der Leseakt noch nicht hinreichend beschrieben, denn das dekodierende Lesen erstreckt sich ausschlie\u00dflich auf die Buchstaben- und Wortbilderkennung, d.h. auf die semiotische Ebene der Leset\u00e4tigkeit. Die semantische Ebene, die Ebene der Textualit\u00e4t und damit auch des Sinnverstehens, l\u00e4sst sich nicht in dieser Weise beschreiben.<\/p>\n<h3>Systemisch lesen: h\u00f6ren, was der Text macht<\/h3>\n<p>Lesen ist mehr als das Dekodieren von Zeichen, mehr als die Zuweisung eines Lautes zu einem Buchstaben, aber eben auch mehr als die Identifikation einer Wortbedeutung \u00fcber ein Wortbild, denn schon auf der Ebene des Satzes gibt es keine Codierungsanweisung, die das Lesen auf eine semiotische Routine zur\u00fcckf\u00fchren k\u00f6nnte (Lies das Zeichen &#8222;A&#8220; als Bedeutung &#8222;B&#8220;). Gesucht werden daher andere Modelle f\u00fcr die T\u00e4tigkeit des Lesens und Verstehens von Texten. Im Zentrum des an die Arbeiten von Henri Meschonnic ankn\u00fcpfenden Forschungsprojekts steht mit dem systemischen Lesen eine Lesepraxis, die au\u00dferhalb des Form-Inhalt-Dualismus des Zeichens angesiedelt ist. Sie ist so alt wie das Lesen selbst oder vielmehr noch \u00e4lter, da ihre Wurzeln nicht im Leseakt selbst liegen, sondern im H\u00f6ren auf das, was im Sprechen vernehmbar wird: die <em>Sinnaktivit\u00e4t<\/em> eines \u00c4u\u00dferungsaktes. Beim systemischen Lesen geht es buchst\u00e4blich um ein h\u00f6rendes Lesen, ein Lesen, das die Sinngliederung der geschriebenen Rede als Sprechereignis und damit als sprachliche Handlung realisiert. Damit er\u00f6ffnet sich eine neue Perspektive auf die Frage nach Sinn des Textes: Sinn ist nicht mehr etwas, das einem Text entnommen (oder eben zugewiesen) wird, sondern das, was in der Realisierung des Textes als Sprechereignis erfahrbar wird. Der Sinn ist eine semantische Aktivit\u00e4t des Textes, keine semiotische Substanz. Sinnverstehen beim Lesen bedeutet dann, die Sinnaktivit\u00e4t des Textes wahrzunehmen und zu reflektieren. Dazu ist es notwendig, die systemischen Bez\u00fcge der kleinen und gro\u00dfen Einheiten des Textes als Artikulationsgef\u00fcge nachzuvollziehen. Sinn setzt ja immer das Vorhandensein eines systemischen Zusammenhangs voraus, insofern sind die Begriff &#8222;Sinn&#8220; und &#8222;Koh\u00e4renz&#8220; Synonyme. Das gilt auch f\u00fcr das literarische Verstehen, aber hier kommt noch etwas hinzu: die Rezeption und Rekonstruktion der <em>semantischen Performativit\u00e4t, <\/em>die sich aus der systemischen Artikulation des Textes ergibt. Literarisches Lesen ist daher ein systemisches Lesen, das h\u00f6rt, was ein Text macht durch die Art und Weise seiner spezifischen Sinngliederung. Auch wenn ein solches h\u00f6rendes Lesen nichts grunds\u00e4tzlich Neues darstellt, ist es doch alles andere als selbstverst\u00e4ndlich. Weder in der Literaturwissenschaft noch in der Literaturdidaktik wurden bislang theoretische oder konzeptuelle Vorschl\u00e4ge zur Lehr- und Lernbarkeit des Zusammenspiels zwischen literarischer Erfahrung und systemischer Sinnartikulation im Text entwickelt. Dieses Desiderat greift das vorliegende Forschungs- und Entwicklungsprojekt auf.<\/p>\n<h3>Konzepte f\u00fcr den Deutschunterricht<\/h3>\n<p>Ziel des Projekts ist es, die theoretischen und didaktischen Voraussetzungen f\u00fcr eine Transformation der schulischen Praxis des Interpretierens zu schaffen. Entwickelt werden Alternativen zu den Routinen des Form-Inhalt-Dualismus, die den interpretierenden Umgang mit literarischen Texten im Deutschunterricht nach wie vor dominieren. Im Zentrum steht die Erarbeitung von Methoden und Verfahren, die es den Lernenden erm\u00f6glichen, ausgehend von den beim Lesen oder H\u00f6ren eines Textes gemachten Erfahrungen zur Rekonstruktion und Reflexion der Sinnaktivit\u00e4t des Textes zu gelangen. Beispiele f\u00fcr die literaturdidaktische Umsetzung dieses Ansatzes in allen Schulformen und Jahrgangsstufen finden sich in dem gemeinsam mit Ulrike Siebauer erarbeiteten Praxisband &#8222;Hochform@lyrik&#8220; (2021, 3. Auflage).<\/p>\n<h1>Publikationen<\/h1>\n<ul>\n<li>Zusammen mit Ulrike Siebauer: hochform@lyrik. Konzepte und Ideen f\u00fcr einen erfahrungsorientierten Lyrikunterricht. 3., \u00fcberarbeitete Auflage. Regensburg: vulpes 2021. (Informationen und Leseproben aus dem Buch finden Sie <a title=\"hochform@lyrik. Konzepte und Ideen f\u00fcr einen erfahrungsorientierten Lyrikunterricht\" href=\"https:\/\/loesener.de\/?page_id=105\">hier<\/a>)<\/li>\n<li>Unter Ausschluss der Poetik. Literaturtheoretische Pr\u00e4missen bei der Aufgabenkonstruktion. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes. Themenheft &#8222;Pr\u00fcfungsformate&#8220;, hrsg. von Torsten Mergen, 67, (2020), H. 2, S. 136\u2013149.<\/li>\n<li>Celans Kritik der Poetik. Eine Atemwende f\u00fcr den Gedichtunterricht. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes. Themenheft &#8222;Probleme germanistischer Deutschlehrer\/-innenausbildung&#8220;, hrsg. von Jens Birkmeyer und Constanze Spies , 61, (2014), H. 2, S. 164\u2013173.<\/li>\n<li>Poetisches Verstehen bei der Unterrichtsvorbereitung. \u00dcberlegungen zur literaturunterrichtlichen Sachanalyse. In: Iris Winkler \/ Nicole Masanek \/ Ulf Abraham (Hgg.): Poetisches Verstehen: Literaturdidaktische Positionen &#8211; empirische Forschung &#8211; Projekte aus dem Deutschunterricht. Hohengehren: Schneider 2010. S. 82\u201397.<\/li>\n<li>Ist das literarische Lesen eine Kompetenz? \u00dcberlegungen zur Kompetenzorientierung in den Bildungsstandards. In: Hermann von Laer (Hg.): Was sollen unsere Kinder lernen? Zur politischen Diskussion nach den PISA-Studien. Berlin: Lit Verlag 2010. S. 41\u201356.<\/li>\n<li>Gedichtanalyse als didaktisches Problem. Gibt es eine Alternative zur Form-Inhalt-Interpretation? In: Eduard Haueis und Peter Klotz (Hgg.): \u00c4sthetik der Sprache &#8211; Sprache der \u00c4sthetik. OBST &#8211; Osnabr\u00fccker Beitr\u00e4ge zur Sprachtheorie, 2009, H. 76. S. 85\u2013105.<\/li>\n<li>Zwischen Wort und Wort. Interpretation und Textanalyse. Paderborn: Fink 2006. (Informationen und Leseproben aus dieser Publikation finden Sie hier)<\/li>\n<li>Lesen, was ein Text macht &#8211; Auf dem Weg zu einem anderen Lesen. In: Didaktik Deutsch, 11\/2001, S. 22\u201337.<\/li>\n<li>Wer ist der Steuermann? Ann\u00e4herungen an eine Erz\u00e4hlung von Franz Kafka. In: Wirkendes Wort 3\/2001. S. 388\u2013400.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Forschungsbereiche Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik, Literatur- und Texttheorie Projektbeschreibung Der Ausgangspunkt: die Krise der Interpretation Ist das, was man den &#8222;Sinn eines Texts&#8220; nennt, mehr als ein blo\u00dfer Interpretationseffekt? 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